Fassung 1 Fassung 2 Fassung 3
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[[51]] 1. / Karl Wilmont an ſeinen Freund /2 Mortimer in London.
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[[31]] 1. / Karl Wilmont an ſeinen Freund Mortimer in London.
2
// Bonſtreet1 in Yorkſhire //2 am 17. May …3 / Wie koͤmmt es denn in aller Welt, daß Du nicht ſchreibſt? Hundert Muthmaßungen ſind mir ſchon durch den Kopf geflogen, aber auch nicht eine hat eine bleibende Stelle finden koͤnnen. Bald halt4 ich Dich fuͤr todt, bald fuͤr verreiſt, bald glaub’ ich Dich irgend wodurch erzuͤrnt zu haben, bald Deine Briefe auf der Poſt verloren. Doch, wie geſagt, von allem kann ich nichts glauben. — Oder biſt Du etwa auch ein Ueberlaͤufer geworden und haſt zur ſchwarzen Fahne der traurigen, langweiligen Ernſthaftigkeit geſchworen? — Es ſollte mir leid um Dich thun; aber wenn Du mir nicht launige Briefe ſchreiben willſt, ſo ſchicke mir wenigſtens ernſthafte: doch, wie geſagt, ich will es nicht von Dir hof[6]fen6, denn du7 biſt wie dazu geboren, aus Deinem ganzen Leben einen Scherz zu machen und in der Laune, wie in Deinem Elemente zu leben. Ich habe noch bei Niemand dieſe gluͤckliche Miſchung des Temperaments gefunden, die ihn mit vollen Seegeln9 uͤber die tanzenden Wellen hinfuͤhrt, indeß ihm die zeitlichen Sorgen ſchwer, unbeholfen und mit zerriſſenem Thauwerk nachrudern, ohne ihn jemals einzuholen10. — Ich ſchreibe Dir dieſen Brief als eine Bittſchrift, oder als eine Kriegserklaͤrung, antworte mir freundſchaftlich oder ergrimmt, — nur ſchreib! — Sei traurig, wehmuͤthig, großherzig, kriegeriſch, luſtig, ernſthaft; lobe, tadle, verachte, ſchimpfe mich, — nur ſchreib!
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// Bondly1 in Yokſhire,2 am 17. Mai 3 / Wie koͤmmt es denn in aller Welt, daß Du nicht ſchreibſt? Hundert Muthmaßungen ſind mir ſchon durch den Kopf geflogen, aber auch nicht eine hat eine bleibende Stelle finden koͤnnen. Bald halt’4 ich Dich fuͤr todt, bald fuͤr verreiſt, bald glaub’ ich Dich irgend wodurch erzuͤrnt zu haben, bald Deine Briefe auf der Poſt verloren. Doch, wie geſagt, von allem kann ich nichts glauben. — Oder biſt Du etwa auch ein Ueberlaͤufer geworden,5 und haſt zur ſchwarzen Fahne der traurigen, langweiligen Ernſthaftigkeit geſchworen? — Es ſollte mir leid um Dich thun; aber wenn Du mir nicht launige Briefe ſchreiben willſt, ſo ſchicke mir wenigſtens ernſthafte: doch, wie geſagt, ich will es nicht von Dir hoffen6, denn Du7 biſt wie dazu geboren, aus Deinem ganzen Leben einen Scherz zu machen,8 und in der Laune, wie in Deinem Elemente zu leben. Ich habe noch bei Niemand dieſe gluͤckliche Miſchung des Temperaments gefunden, die ihn mit vollen Segeln9 uͤber die tanzenden Wellen hinfuͤhrt, indeß ihm die zeitlichen Sorgen ſchwer, unbeholfen und mit zerriſſenem Thauwerk nachrudern, ohne ihn jemals einzu[4]holen10. — Ich ſchreibe Dir dieſen Brief als eine Bittſchrift, oder als eine Kriegserklaͤrung, antworte mir freundſchaftlich oder ergrimmt, — nur ſchreib! — Sei traurig, wehmuͤthig, großherzig, kriegeriſch, luſtig, ernſthaft; lobe, tadle, verachte, ſchimpfe mich, — nur ſchreib!
3
// Nach dieſer pathetiſchen Anrufung bleibt mir nun nichts weiter uͤbrig, als meinen eigentlichen Brief anzufangen, der Dir alſo vor’s Erſte ſagen mag, daß ich hier in dem angenehmen Bonſtreet1 noch geſund und wohl bin, daß ich an Dich denke, daß ich Dich zu ſehn wuͤnſche, daß London nicht Bonſtreet2 und Bonſtreet3 nicht London iſt, und daß, wenn ich dieſen Brief in dieſer Manier zu ſchreiben fortfahre, Du ihn ſchwerlich zu Ende leſen wirſt.
[absent]
// Nach dieſer pathetiſchen Anrufung bleibt mir nun nichts weiter uͤbrig, als meinen eigentlichen Brief anzufangen, der Dir alſo vor’s Erſte ſagen mag, daß ich hier in dem angenehmen Bondly1 noch geſund und wohl bin, daß ich an Dich denke, daß ich Dich zu ſehn wuͤnſche, daß London nicht Bondly2 und Bondly3 nicht London iſt, und daß, wenn ich dieſen Brief in dieſer Manier zu ſchreiben fortfahre, Du ihn ſchwerlich zu Ende leſen wirſt.
4
[7]1 // Nicht wahr, Du ſiehſt mir das langweilige Leben hier auf dem Lande ſchon an? — So abgetrieben war mein Witz nicht, als ich in Euren luſtigen Geſellſchaften in London war, wo Wein, Geſang, Tanz und Kuͤſſe von den reizendſten Lippen uns begeiſterten, wo unſre Laune mit ſechs muntern Pferden uͤber die ebne Chauſſee des Leichtſinns und der Vergeſſenheit aller Wichtigkeiten und Armſeeligkeiten2 dieſes Lebens dahinrollte, — nun, wir werden uns wiederſehn! — Hier komm’ ich mir vor wie eine Schnecke, die nur immer furchtſam mit halbem Leibe ihre Behauſung verlaͤßt und langſam und ſchwerfaͤllig von einem Grashalme zum andern kriecht; — zwar iſt die Gegend ſehr ſchoͤn, der Garten angenehm, auch veranſtaltet uns der Himmel manchen praͤchtigen Sonnenuntergang, — aber was iſt eine Gegend, ſei ſie noch ſo ſchoͤn, ohne Freunde, die unſre Freuden mit genießen? nichts als ein Rahm ohne Gemaͤhlde5: wir ſehn6 nur die Veranlaſſung, die uns vergnuͤgen koͤnnte. So leb’ ich hier einen Tag fort, wie den andern, zuweilen bekommen wir Beſuche und erwiedern ſie, — und ſo leben wir im Ganzen nicht unangenehm. Wenn nur das ewige Einerlei nicht waͤre!
[absent]
// Nicht wahr, Du ſiehſt mir das langweilige Leben hier auf dem Lande ſchon an? — So abgetrieben war mein Witz nicht, als ich in Euren luſtigen Geſellſchaften in London war, wo Wein, Geſang, Tanz und Kuͤſſe von den reizendſten Lippen uns begeiſterten, wo unſre Laune mit ſechs muntern Pferden uͤber die ebne Chauſſee des Leichtſinns und der Vergeſſenheit aller Wichtigkeiten und Armſeligkeiten2 dieſes Lebens dahinrollte, — nun, wir werden uns wiederſehn! — Hier komm’ ich mir vor wie eine Schnecke, die nur immer furchtſam mit halbem Leibe ihre Behauſung verlaͤßt,3 und langſam und ſchwerfaͤllig von einem Grashalme zum andern kriecht; — zwar iſt die Gegend ſehr ſchoͤn, der Garten angenehm, auch veranſtaltet uns der Himmel manchen praͤchtigen Sonnenuntergang, — aber was iſt eine Gegend, ſei ſie noch ſo ſchoͤn, ohne Freunde, die unſre Freuden mit genießen? nichts als [5]4 ein Rahm ohne Gemaͤlde5: wir ſehen6 nur die Veranlaſſung, die uns vergnuͤgen koͤnnte. So leb’ ich hier einen Tag fort, wie den andern, zuweilen bekommen wir Beſuche und erwiedern ſie, — und ſo leben wir im Ganzen nicht unangenehm. Wenn nur das ewige Einerlei nicht waͤre!
5
[8]1 // Mein beſtaͤndiger Geſellſchafter iſt William Lovell, der lebhafte, muntre Juͤngling, den Du im vorigen Jahre einigemahl2 in London ſahſt, er iſt zum Beſuche ſeines Buſenfreundes Eduard Burton hier. William iſt ein vortreflicher3 junger Mann, der mir noch viel theurer ſeyn4 wuͤrde, wenn er nur einmal erſt neben mir feſten Fuß faſſen wollte; aber er gedeiht in keinem Boden. Kein Adler ſteht mit dem Aether und allen himmliſchen Luͤften in ſo gutem Vernehmen, als er; oft fliegt er mir ſo weit aus den Augen, daß ich ganz im Ernſte an den armen Ikarus denke, — mit einem Wort: er iſt ein Schwaͤrmer. — Wenn ein ſolches Weſen einſt fuͤhlt, wie die Kraft ſeiner Fittige erlahmt, wie die Luft unter ihm nachgiebt, der er ſich vertraute, — ſo laͤßt er ſich blindlings herunterfallen, ſeine Fluͤgel werden zerknickt und er muß nachher in Ewigkeit kriechen.
[absent]
// Mein beſtaͤndiger Geſellſchafter iſt William Lovell, der lebhafte, muntre Juͤngling, den Du im vorigen Jahre einigemal2 in London ſahſt, er iſt zum Beſuche ſeines Buſenfreundes Eduard Burton hier. William iſt ein vortrefflicher3 junger Mann, der mir noch viel theurer ſein4 wuͤrde, wenn er nur einmal erſt neben mir feſten Fuß faſſen wollte; aber er gedeiht in keinem Boden. Kein Adler ſteht mit dem Aether und allen himmliſchen Luͤften in ſo gutem Vernehmen, als er; oft fliegt er mir ſo weit aus den Augen, daß ich ganz im Ernſte an den armen Ikarus denke, — mit einem Wort: er iſt ein Schwaͤrmer. — Wenn ein ſolches Weſen einſt fuͤhlt, wie die Kraft ſeiner Fittige erlahmt, wie die Luft unter ihm nachgiebt, der er ſich vertraute, — ſo laͤßt er ſich blindlings herunterfallen, ſeine Fluͤgel werden zerknickt,5 und er muß nachher in Ewigkeit kriechen.
6
// Es mag an feuchten Abenden, beſonders fuͤr einen Mann im Amte, recht angenehm ſeyn1, einen weiten warmen Mantel zu tragen, — aber wenn man ihn nie ablegen ſollte, wenn man ihn zum Schlafrocke und zum Jagdkleide brauchen [9]2 muͤßte, ſo moͤcht’ ich dafuͤr lieber beſtaͤndig in meinem ſchlichten Fracke gehn. Der Trank der Hippokrene3 mag ein ganz gutes Waſſer ſeyn4, aber ſich den Magen damit6 zu erkaͤlten und ein Fieber zu bekommen, kann doch ſo etwas beſonders Angenehmes nicht ſeyn8. Es giebt aber Leute, die ſich fuͤr die entgegengeſetzte Meinung todtſchießen ließen; und unter dieſen ſteht William wahrhaftig nicht im letzten Gliede. Wir haben ſehr oft unſre kleinen Disputen daruͤber, und was das ſchlimmſte iſt, ſo werd’ ich jedesmahl9 aus dem Felde geſchlagen; aber ganz natuͤrlich, denn wenn ich etwa nur Luſt habe, mit leichter Reiterei zu ſcharmuziren, ſo ſchießt er mir mit Vier und zwanzigpfuͤndern10 unter meine beſten Truppen: wenn ſich zuweilen nur ein paar Huſaren von witzigen Einfaͤllen an ihn machen wollen, ſo ſchleppt er mit einemmahle11 einen ganzen Train ſchwerer Allgemeinſaͤtze herbei, als: Lachen ſei nicht der Zweck des Lebens, unaufhoͤrliche Luſtigkeit ſetze einen Mangel aller feinern Empfindung voraus, u. ſ. w. Oder er zieht ſich unter die Kanonen ſeiner Veſtung12, ſeufzt und antwortet gar nicht.
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// Es mag an feuchten Abenden, beſonders fuͤr einen Mann im Amte, recht angenehm ſein1, einen weiten warmen Mantel zu tragen, — aber wenn man ihn nie ablegen ſollte, wenn man ihn zum Schlafrocke und zum Jagdkleide brauchen muͤßte, ſo moͤcht’ ich dafuͤr lieber beſtaͤndig in meinem ſchlichten Fracke gehn. Der Trank der Hyppokrene3 mag ein ganz gutes Waſſer ſein4, aber ſich damit5 den Magen zu erkaͤlten und ein Fieber zu bekommen, kann doch ſo etwas beſonders Angenehmes [6]7 nicht ſein8. Es giebt aber Leute, die ſich fuͤr die entgegengeſetzte Meinung todtſchießen ließen; und unter dieſen ſteht William wahrhaftig nicht im letzten Gliede. Wir haben ſehr oft unſre kleinen Disputen daruͤber, und was das ſchlimmſte iſt, ſo werd’ ich jedesmal9 aus dem Felde geſchlagen; aber ganz natuͤrlich, denn wenn ich etwa nur Luſt habe, mit leichter Reiterei zu ſcharmuziren, ſo ſchießt er mir mit Vierundzwanzigpfuͤndern10 unter meine beſten Truppen: wenn ſich zuweilen nur ein paar Huſaren von witzigen Einfaͤllen an ihn machen wollen, ſo ſchleppt er mit einemmale11 einen ganzen Train ſchwerer Allgemeinſaͤtze herbei, als: Lachen ſei nicht der Zweck des Lebens, unaufhoͤrliche Luſtigkeit ſetze einen Mangel aller feinern Empfindung voraus, u. ſ. w. Oder er zieht ſich unter die Kanonen ſeiner Feſtung12, ſeufzt und antwortet gar nicht.
7
// Du wirſt gewiß fragen: was den unbefange[10]nem1, leichtherzigen William zu einem ſo ſchwermuͤthigen Traͤumer gemacht habe? — Ich will Dir die Urſache entdecken, ob er gleich gegen ſich ſelbſt2 geheim damit thut, — er iſt verliebt! — Liebe, die den Menſchen froher, gluͤcklicher machen, die ſeinen Ellenbogen einen Centner Kraft zuſetzen ſollte, um alle Sorgen aus dem Wege auf die Seite zu ſtoßen: — die Liebe, — o Himmel! was hat die Liebe nicht ſchon in der Welt Boͤſes gethan?
[absent]
// Du wirſt gewiß fragen: was den unbefangenen1, leichtherzigen William zu einem ſo ſchwermuͤthigen Traͤumer gemacht habe? — Ich will Dir die Urſache entdecken, ob er gleich gegen ſich ſebſt2 geheim damit thut, — er iſt verliebt! — Liebe, die den Menſchen froher, gluͤcklicher machen, die ſeinen Ellenbogen einen Centner Kraft zuſetzen ſollte, um alle Sorgen aus dem Wege auf die Seite zu ſtoßen: — die Liebe, — o Himmel! was hat die Liebe nicht ſchon in der Welt Boͤſes gethan?
8
// Wenn noch irgend ein Stuͤck von dem ehemaligen Mortimer an Dir iſt, ſo wett’ ich, Du wirſt wiſſen wollen, wer denn die allmaͤchtige Sonne ſei, die mit ihren brennenden Strahlen das Herz des armen William, — Niemand anders, als meine Schweſter. — Sie hat gewiß ſeine Liebe bemerkt, aber er ſcheint es nicht bemerkt zu haben, daß ihr dieſe Bemerkung nicht mißfallen hat, denn es fehlt nur wenig, ſo liebt ſie ihn wieder. Es giebt die laͤcherlichſten Scenen, wie er ihr oft im Garten ausweicht und ſie aͤmſig2 in der naͤchſten Allee wieder ſucht, wie ſie Stunden lang mit einander zubringen, ohne faſt nur eine Sylbe zu ſprechen; wie er ſeufzt und ſich wunder wie un[11]gluͤcklich3 fuͤhlt, daß ſie ſich ihm nicht freiwillig in die Arme wirft; um kurz zu ſeyn4: er iſt ungluͤcklich, weil er gluͤcklich iſt, — aber auch wieder gluͤcklich, weil er an Ungluͤck Ueberfluß hat, denn glaube mir nur, er wuͤrde ſeine poetiſchen Leiden um vieles Geld nicht verkaufen.
[absent]
// Wenn noch irgend ein Stuͤck von dem ehemaligen Mortimer an Dir iſt, ſo wett’ ich, Du wirſt wiſſen wollen, wer denn die allmaͤchtige Sonne ſei, die mit ihren brennenden Strahlen das Herz des armen William, — Niemand anders, als meine Schweſter. — Sie hat gewiß ſeine Liebe bemerkt, aber er ſcheint es [7]1 nicht bemerkt zu haben, daß ihr dieſe Bemerkung nicht mißfallen hat, denn es fehlt nur wenig, ſo liebt ſie ihn wieder. Es giebt die laͤcherlichſten Scenen, wie er ihr oft im Garten ausweicht und ſie emſig2 in der naͤchſten Allee wieder ſucht, wie ſie Stunden lang mit einander zubringen, ohne faſt nur eine Sylbe zu ſprechen; wie er ſeufzt und ſich wunder wie ungluͤcklich3 fuͤhlt, daß ſie ſich ihm nicht freiwillig in die Arme wirft; um kurz zu ſein4: er iſt ungluͤcklich, weil er gluͤcklich iſt, — aber auch wieder gluͤcklich, weil er an Ungluͤck Ueberfluß hat, denn glaube mir nur, er wuͤrde ſeine poetiſchen Leiden um vieles Geld nicht verkaufen.
9
// Ploͤtzlich kam die Nachricht: meine Schweſter ſolle von hier abreiſen. Ihr Beſuch bei mir und beim alten Burton war ſo immer ſchon von einer Woche zur andern verlaͤngert; — der Barometer ſtieg um viele Grade und immer mehr, je naͤher es dem Tage der Abreiſe kam. Faſt Jedermann bemerkte ſeine Schwermuth, er behauptete aber jedem mit einer kecken verdroſſenen Traurigkeit in’s2 Geſicht: er waͤre noch nie ſo aufgeraͤumt geweſen. Er machte ſich itzt zuweilen an mich und ging auf den Spatziergaͤngen4 lange neben mir auf und ab; ich fuͤrchtete immer, ploͤtzlich in die Rolle eines Vertrauten geworfen zu werden, und unter Bedrohung des Todtſchlages, des Untergangs der Welt, oder einer aͤhnlichen Kleinigkeit, ein oͤffentliches Geheimniß zu erfahren; aber nein, ich hatte geirrt, dazu haͤtt’ ich wenigſtens vorher mein Probeſtuͤck in Seufzen und Weinen ablegen muͤſſen. — Mit [12]5 einer ſo erzwungenen Kaͤlte, daß ihm faſt die Thraͤnen in den Augen ſtanden, fragte er mich: ob ich meine Schweſter nicht zu Pferde begleiten wuͤrde? — nun merkte ich, wo er hinaus wollte. — Er wuͤnſchte, ich moͤchte meine Schweſter einige Meilen begleiten, damit er einen Vorwand haben koͤnnte, mitzureiten. Es hat mich wirklich geruͤhrt, daß ihm an dieſer Kleinigkeit ſo viel lag, er iſt ein ſehr guter Junge, — ich ſagte ſogleich ja, und bat ihn ſelbſt,7 um ſeine Geſellſchaft. — Morgen reiten wir alſo. —
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// Ploͤtzlich kam die Nachricht: meine Schweſter ſolle von hier abreiſen. Ihr Beſuch bei mir und beim alten Burton war ſo immer ſchon von einer Woche zur andern verlaͤngert; — der Barometer ſtieg um viele Grade und immer mehr, je naͤher es dem Tage der Abreiſe kam. Faſt Jedermann bemerkte ſeine Schwermuth, er behauptete aber jedem mit einer kecken,1 verdroſſenen Traurigkeit ins2 Geſicht: er waͤre noch nie ſo aufgeraͤumt geweſen. Er machte ſich itzt zuweilen an mich,3 und ging auf den Spaziergaͤngen4 lange neben mir auf und ab; ich fuͤrchtete immer, ploͤtzlich in die Rolle eines Vertrauten geworfen zu werden, und unter Bedrohung des Todtſchlages, des Untergangs der Welt, oder einer aͤhnlichen Kleinigkeit, ein oͤffentliches Geheimniß zu erfahren; aber nein, ich hatte geirrt, dazu haͤtt’ ich wenigſtens vorher mein Probeſtuͤck in Seufzen und Weinen ablegen muͤſſen. — Mit einer ſo erzwungenen Kaͤlte, daß ihm faſt die Thraͤnen in den Augen ſtanden, fragte er mich: ob ich meine Schweſter nicht zu Pferde begleiten wuͤrde? — nun merkte ich, wo er [8]6 hinaus wollte. — Er wuͤnſchte, ich moͤchte meine Schweſter einige Meilen begleiten, damit er einen Vorwand haben koͤnnte, mitzureiten. Es hat mich wirklich geruͤhrt, daß ihm an dieſer Kleinigkeit ſo viel lag, er iſt ein ſehr guter Junge, — ich ſagte ſogleich ja, und bat ihn ſelbſt um ſeine Geſellſchaft. — Morgen reiten wir alſo. —
10
// Sind die Menſchen nicht naͤrriſche Geſchoͤpfe? Wie manches Ungluͤck in der Welt wuͤrde ſich nicht ganz aus dem Staube machen und ſein Monument bis auf die letzte Spur vertilgt werden, — wenn nicht jeder ſorgſam ſelbſt ein Steinchen oder einen Stein auf die große Felſenmaſſe wuͤrfe, — bloß um ſagen zu koͤnnen: er ſei doch auch nicht muͤßig geweſen, er habe doch das Seinige auch dazu beigetragen? Gingen wir ſtets mit uns ſelbſt gerade und ehrlich zu Werke, ließen wir uns nicht ſo gern von kraͤnklichen Einbildungen hintergehn, glaube mir, die Welt waͤre viel gluͤcklicher und ihre Bewohner viel [13]1 beſſer. — Aber denkſt Du, daß ich es wage, ihm ſo etwas zu ſagen? — Nie. — Sonderbar, daß ein Menſch vorſetzlich einſchlafen kann und ſich nachher nicht aus ſeinen Traͤumen will wekken3 laſſen, weil er ſich ſchon wachend glaubt, — und ihn mit kaltem Waſſer zu begießen, halt’ ich fuͤr grauſam.
[absent]
// Sind die Menſchen nicht naͤrriſche Geſchoͤpfe? Wie manches Ungluͤck in der Welt wuͤrde ſich nicht ganz aus dem Staube machen und ſein Monument bis auf die letzte Spur vertilgt werden, — wenn nicht jeder ſorgſam ſelbſt ein Steinchen oder einen Stein auf die große Felſenmaſſe wuͤrfe, — bloß um ſagen zu koͤnnen: er ſei doch auch nicht muͤßig geweſen, er habe doch das Seinige auch dazu beigetragen? Gingen wir ſtets mit uns ſelbſt gerade und ehrlich zu Werke, ließen wir uns nicht ſo gern von kraͤnklichen Einbildungen hintergehn, glaube mir, die Welt waͤre viel gluͤcklicher und ihre Bewohner viel beſſer. — Aber denkſt Du, daß ich es wage, ihm ſo etwas zu ſagen? — Nie. — Sonderbar, daß ein Menſch vorſetzlich einſchlafen kann,2 und ſich nachher nicht aus ſeinen Traͤumen will wecken3 laſſen, weil er ſich ſchon wachend glaubt, — und ihn mit kaltem Waſſer zu begießen, halt’ ich fuͤr grauſam.
11
// Du ſiehſt, wie mir die Landluft bekoͤmmt, ich, ich fange an zu moraliſiren, — doch, auch das gehoͤrt unter die menſchlichen Schwaͤchen und irgend eine Abgabe zur allgemeinen Kaſſe der Menſchlichkeit muß doch jeder brave Erdbuͤrger2 einreichen.
[absent]
// Du ſiehſt, wie mir die Landluft bekoͤmmt, ich, ich fange an zu moraliſiren, — doch, auch das gehoͤrt unter die menſchlichen Schwaͤchen,1 und irgend eine Abgabe zur allgemeinen Kaſſe der Menſchlichkeit muß doch jeder brave Erdenbuͤrger2 einreichen.
12
// Gott ſchenke Dir ein recht langes Leben, damit ich mir keinen Vorwurf daraus zu machen brauche, daß ich Dir durch einen langen Brief ſo viel von Deiner Zeit genommen habe; doch willſt Du mein Freund bleiben, ſo ſoll es mich eben nicht ſehr gereuen, noch hinzuzuſetzen, daß ich bin // der2 Deinige.
[absent]
// Gott ſchenke Dir ein recht langes Leben, damit ich mir keinen Vorwurf daraus zu machen brauche, daß [9]1 ich Dir durch einen langen Brief ſo viel von Deiner Zeit genommen habe; doch willſt Du mein Freund bleiben, ſo ſoll es mich eben nicht ſehr gereuen, noch hinzuzuſetzen, daß ich bin // Der2 Deinige.
13
// Nachſchrift. So eben leſe ich meinen Brief noch einmal durch und bemerke mit Schrekken,1 daß ich Dir einen Buͤndel Stroh ſchicken2, [14]3 in welchem Du, mit Shakſpear zu reden, auch nicht ein einziges Korn finden wirſt. Ich ſetzte mich nehmlich4 nieder, Dir zu ſchreiben, daß meine Schweſter nach London zuruͤckgeht und daß Du ſie nun alſo kannſt kennen lernen; daß ich nicht nach London reiſe, weil es der alte Burton eben ſo ungern als ſein Sohn ſehen wuͤrde, — der alte Mann ſcheint an meiner Geſellſchaft Geſchmack zu finden, — und wer weiß, ob ich es auch außerdem gethan haben wuͤrde.
[absent]
// Nachſchrift. So eben leſe ich meinen Brief noch einmal durch und bemerke mit Schrecken;1 daß ich Dir einen Buͤndel Stroh ſchicke2, in welchem Du, mit Shakſpear zu reden, auch nicht ein einziges Korn finden wirſt. Ich ſetzte mich naͤmlich4 nieder, Dir zu ſchreiben, daß meine Schweſter nach London zuruͤckgeht und daß Du ſie nun alſo kannſt kennen lernen; daß ich nicht nach London reiſe, weil es der alte Burton eben ſo ungern als ſein Sohn ſehen wuͤrde, — der alte Mann ſcheint an meiner Geſellſchaft Geſchmack zu finden, — und wer weiß, ob ich es auch außerdem gethan haben wuͤrde.
14
// Wie ſo? hoͤr’ ich dich1 fragen. — Koͤnnt’ ich nun den Brief nicht ſchließen und Dich mit Deiner Frage im offnen Munde ſtehn laſſen und das Petſchaft beſehn? — Haͤtteſt Du nicht Gelegenheit, in einem Briefe an mich Deinen Scharfſinn zu zeigen und mir tauſend Erklaͤrungen zu ſchicken, ohne auch nur der wahren mit einer Sylbe zu erwaͤhnen? — —
[absent]
// Wie ſo? hoͤr’ ich Dich1 fragen. — Koͤnnt’ ich nun den Brief nicht ſchließen,2 und Dich mit Deiner Frage im offnen Munde ſtehn laſſen und das Petſchaft beſehn? — Haͤtteſt Du nicht Gelegenheit, in einem Briefe an mich Deinen Scharfſinn zu zeigen und mir tauſend Erklaͤrungen zu ſchicken, ohne auch nur der wahren mit einer Sylbe zu erwaͤhnen? — —
15
// Der junge Burton, — (der wirklich ein vortreflicher1 Juͤngling iſt; Schade, daß ich zeitlebens nicht ſo ſeyn2 werde) — der junge Burton alſo hat eine Schweſter, die zugleich die Tochter des Alten iſt —
[absent]
// Der junge Burton, — (der wirklich ein vortrefflicher1 Juͤngling iſt; Schade, daß ich zeitlebens nicht ſo ſein2 werde) — der junge Burton alſo hat eine Schweſter, die zugleich die Tochter des Alten iſt —
16
// Sei nur ruhig, ich werde nie in die Grube fallen, die ſich Lovell gegraben hat!
[absent]
// Sei nur ruhig, ich werde nie in die Grube fallen, die ſich Lovell gegraben hat!
 
17
[171] // Ich habe mir ernſthaft vorgenommen, daß es keine Liebe werden ſoll, — denn, — ſieh, wie ſchoͤn das zuſammenhaͤngt! — denn mein Vermoͤgen iſt gegen das ihrige viel zu geringe. —
[absent]
[101] //Ich habe mir ernſthaft vorgenommen, daß es keine Liebe werden ſoll, — denn, — ſieh, wie ſchoͤn das zuſammenhaͤngt! — denn mein Vermoͤgen iſt gegen das ihrige viel zu geringe. —
18
// Du lachſt? — Und wuͤrde die Welt nicht uͤber Dich lachen, wenn Du den Zuſammenhang hier vermißteſt? —
[absent]
// Du lachſt? — Und wuͤrde die Welt nicht uͤber Dich lachen, wenn Du den Zuſammenhang hier vermißteſt? —
 
19
// Auch William Lovell koͤmmt naͤchſtens nach London, und darum bilde Dir ein, daß ich ſoviel1 von ihm geſchrieben haben koͤnnte.2
[absent]
// Auch William Lovell koͤmmt naͤchſtens nach London, und darum bilde Dir ein, daß ich ſo viel1 von ihm geſchrieben haben koͤnnte —
20
// Ich bin noch einmahl1, — (denn ſo etwas kann man nicht zu oft ſeyn2) — Dein zaͤrtlichſter Freund. // Karl Wilmont.
[absent]
// Ich bin noch einmal1, — (denn ſo etwas kann man nicht zu oft ſein2) — Dein zaͤrtlichſter Freund. // Karl Wilmont.
21
[18] // 21. / William Lovell an Eduard Burton.
[[3]] 11. / William Lovell an Eduard Burton.
// 21. / William Lovell an Eduard Burton.
22
// am 18ten May1 — / Ich ſchreibe Dir, Eduard, aus einem Wirthshauſe hinter York, es iſt Nacht und Karl ſchlaͤft im Nebenzimmer, — alles umher iſt feierlich und ſtill, die Klocke2 eines entfernten Dorfes toͤnt manchmal wie Grabgelaͤute zu mir heruͤber. —
// am 18ten May1 — / Ich ſchreibe Dir, Eduard, aus einem Wirthshauſe hinter York, es iſt Nacht und Karl ſchlaͤft im Nebenzimmer, — alles umher iſt feierlich und ſtill, die Klocke2 eines entfernten Dorfes toͤnt manchmal wie Grabgelaͤute zu mir heruͤber. —
// am 18 Mai1 — / Ich ſchreibe Dir, Eduard, aus einem Wirthshauſe hinter York, es iſt Nacht und Karl ſchlaͤft im Nebenzimmer, — alles umher iſt feierlich und ſtill, die Glocke2 eines entfernten Dorfes toͤnt manchmal wie Grabgelaͤute zu mir heruͤber. —
23
// Einſam ſitz’ ich hier, wie ein Elender, der aus einem goldenen Traume in ſeiner engen Huͤtte erwacht. — Die ſchmelzenden Accorde der Symphonie ſind geſchloſſen, das Theater iſt zugefallen, ein Licht nach dem andern verloͤſcht1. — In dieſem Gefuͤhle ſchreib’ ich Dir, Freund, Bruder, meine Seele ſucht Theilnahme und findet ſie bei Dir am reinſten und waͤrmſten.
// Einſam ſitz’ ich hier, wie ein Elender, der aus einem goldenen Traume in ſeiner engen Huͤtte erwacht. — Die ſchmelzenden Accorde der Symphonie ſind geſchloſſen, das Theater iſt zugefallen, ein Licht nach dem andern erliſcht1. — In dieſem Gefuͤhle ſchreib’ ich Dir, Freund, Bruder, meine Seele ſucht Theilnahme und findet ſie bei Dir am reinſten und waͤrmſten.
// Einſam ſitz’ ich hier, wie ein Elender, der aus einem goldenen Traume in ſeiner engen Huͤtte erwacht. — Die ſchmelzenden Accorde der Symphonie ſind geſchloſſen, das Theater iſt zugefallen, ein Licht nach dem andern erliſcht1. — In dieſem Gefuͤhle ſchreib’ ich Dir, Freund, Bruder, meine Seele ſucht Theilnahme und findet ſie bei Dir am reinſten und waͤrmſten.
24
// Ich bin nie ſo aufmerkſam als in dieſen Augenblicken darauf geweſen, wie von einem kleinen Zufalle, von einer unbedeutenden Kleinigkeit oft die Wendung unſers Charakters abhaͤngt. Ein unmerklicher Schlag richtet und formt unſern Geiſt oft anders; wer kennt die Regeln, nach [19]4 denen unſer ſchuͤtzender Genius umgewechſelt wird? — Eduard, eine dunkle, ungewiſſe Ahndung5 hat mich befallen, als ſei hier, in dieſen Momenten eine der Epochen meines Lebens,6 mir iſt, als ſaͤh’7 ich meinen guten Engel weinend von mir Abſchied nehmen, der mich nun unbewacht dem Spiel des Verhaͤngniſſes uͤberlaͤßt, — als ſei ich in eine dunkle Wuͤſte hinausgeſtoßen, wo ich unter den daͤmmernden Schatten halb ungewiſſe9 feindſelige Daͤmonen entdecke.
// Ich bin nie ſo aufmerkſam als in dieſen Augenblicken darauf geweſen, wie von einem kleinen Zufalle, von einer unbedeutenden Kleinigkeit oft die Wendung unſers Charakters abhaͤngt. Ein unmerklicher Schlag richtet und formt unſern Geiſt oft anders; wer kennt die Regeln, nach denen unſer ſchuͤtzender Genius umgewechſelt wird? — Eduard, eine dunkle, ungewiſſe Ahndung5 hat mich befallen, als ſei hier, in dieſen Momenten eine der Epochen meines Lebens;6 mir iſt, als ſaͤh7 ich meinen guten [4]8 Engel weinend von mir Abſchied nehmen, der mich nun unbewacht dem Spiel des Verhaͤngniſſes uͤberlaͤßt, — als ſei ich in eine dunkle Wuͤſte hinausgeſtoßen, wo ich unter den daͤmmernden Schatten hin und wieder ſchwankende9 feindſelige Daͤmonen entdecke.
[11]1 // Ich bin nie ſo aufmerkſam,2 als in dieſen Augenblicken,3 darauf geweſen, wie von einem kleinen Zufalle, von einer unbedeutenden Kleinigkeit oft die Wendung unſers Charakters abhaͤngt. Ein unmerklicher Schlag richtet und formt unſern Geiſt oft anders; wer kennt die Regeln, nach denen unſer ſchuͤtzender Genius umgewechſelt wird? — Eduard, eine dunkle, ungewiſſe Ahnung5 hat mich befallen, als ſei hier, in dieſen Momenten eine der Epochen meines Lebens;6 mir iſt, als ſaͤh’7 ich meinen guten Engel weinend von mir Abſchied nehmen, der mich nun unbewacht dem Spiel des Verhaͤngniſſes uͤberlaͤßt, — als ſei ich in eine dunkle Wuͤſte hinausgeſtoßen, wo ich unter den daͤmmernden Schatten hin und wieder ſchwankende9 feindſelige Daͤmonen entdecke.
25
// Ja Eduard, ſpotte nicht meiner Schwaͤche, ich bin in dieſen Augenblicken aberglaͤubig wie ein Kind, Nacht und Einſamkeit haben meine Phantaſie geſpannt, ich blicke wie ein Seher in den tiefen Brunnen der Zukunft hinab, ich nehme Geſtalten wahr, die zu mir emporſteigen, freundliche und ernſte, aber ein ganzes Heer furchtbarer Gebilde. Der ebne Faden meines Lebens faͤngt an, ſich in unaufloͤsliche Knoten zu verſchlingen, uͤber deren Aufloͤſung ich vielleicht vergebens meine Exiſtenz verliehre2.
// Ja Eduard, ſpotte nicht meiner Schwaͤche, ich bin in dieſen Augenblicken aberglaͤubig wie ein Kind, Nacht und Einſamkeit haben meine Phantaſie geſpannt, ich blicke wie ein Seher in den tiefen Brunnen der Zukunft hinab, ich nehme Geſtalten wahr, die zu mir emporſteigen, freundliche und ernſte, aber ein ganzes Heer furchtbarer Gebilde. Der ebne Faden meines Lebens faͤngt an, ſich in unaufloͤsliche Knoten zu verſchlingen, uͤber deren Aufloͤſung ich vielleicht vergebens meine Exiſtenz verliere2.
// Ja,1 Eduard, ſpotte nicht meiner Schwaͤche, ich bin in dieſen Augenblicken aberglaͤubig wie ein Kind, Nacht und Einſamkeit haben meine Phantaſie geſpannt, ich blicke wie ein Seher in den tiefen Brunnen der Zukunft hinab, ich nehme Geſtalten wahr, die zu mir emporſteigen, freundliche und ernſte, aber ein ganzes Heer furchtbarer Gebilde. Der ebne Faden meines Lebens faͤngt an, ſich in unaufloͤsliche Knoten zu verſchlingen, uͤber deren Aufloͤſung ich vielleicht vergebens meine Exiſtenz verliere2.
26
// Bis itzt iſt mein Leben ein ununterbrochener1 Freudentanz geweſen, kindlich habe ich meine Jahre verſcherzt und mich lachend der fluͤchtigen Zeit uͤberlaſſen, in der hellen Gegenwart genoß [20]2 ich und weidete mich an Traͤumen einer goldenen Zukunft, in der gluͤcklichſten Beſchraͤnktheit liebt’ ich Gott wie einen Vater, die Menſchen wie Bruͤder und mich ſelbſt als den Mittelpunkt3 der Schoͤpfung, auf den die Natur mit allen ihren Wohlthaten ziele. Itzt ſteh’ ich vielleicht auf der Stufe, von wo ich in die Schule des Elends mit ernſter Grauſamkeit verwieſen werde, um mich vom Kinde zum Manne zu bilden, 4 und werd’ ich gluͤcklicher ſeyn5, als ich war, wenn ich vom harten Unterrichte zuruͤckkehre?
// Bis itzt iſt mein Leben ein ununterbrochner1 Freudentanz geweſen, kindlich habe ich meine Jahre verſcherzt und mich lachend der fluͤchtigen Zeit uͤberlaſſen, in der hellen Gegenwart genoß ich und weidete mich an Traͤumen einer goldenen Zukunft, in der gluͤcklichſten Beſchraͤnktheit liebt’ ich Gott wie einen Vater, die Menſchen wie Bruͤder und mich ſelbſt als den Mittelpunkt3 der Schoͤpfung, auf den die Natur mit allen ihren Wohlthaten ziele. Itzt ſteh’ ich vielleicht auf der Stufe, von wo ich in die Schule des Elends mit ernſter Grauſamkeit verwieſen werde, um mich vom Kinde zum Manne zu bilden:4 und werd’ ich gluͤcklicher ſeyn5, als ich war, wenn ich vom harten Unterrichte zuruͤckkehre?
// Bis itzt iſt mein Leben ein ununterbrochner1 Freudentanz geweſen, kindlich habe ich meine Jahre verſcherzt und mich lachend der fluͤchtigen Zeit uͤberlaſſen, in der hellen Gegenwart genoß ich und weidete mich an Traͤumen einer goldenen Zukunft, in der gluͤcklichſten Beſchraͤnktheit liebt’ ich Gott wie einen Vater, die Menſchen wie Bruͤder und mich ſelbſt als den Mit[12]telpunkt3 der Schoͤpfung, auf den die Natur mit allen ihren Wohlthaten ziele. Itzt ſteh’ ich vielleicht auf der Stufe, von wo ich in die Schule des Elends mit ernſter Grauſamkeit verwieſen werde, um mich vom Kinde zum Manne zu bilden:4 und werd’ ich gluͤcklicher ſein5, als ich war, wenn ich vom harten Unterrichte zuruͤckkehre?
27
// Und hab’ ich denn ein Recht uͤber mein Ungluͤck zu klagen? und bin ich wirklich ungluͤcklich? — Liebt mich denn Amalie, iſt ſie mein, daß mich ihre Entfernung traurig machen darf? Bin ich nicht der Sohn eines zaͤrtlichen Vaters, der Freund eines edlen Freundes? und ich ſpreche von Elend? — Wozu dieſer Eigenſinn, daß ich mir einbilde, nur ſie ſei meine Seeligkeit2? Ja, Eduard, ich will meiner Schwaͤche widerſtehn, aber Sehnſucht und Wuͤnſche ſind nicht Verbrechen. Ich will nicht mit dem Schickſal rechten, aber Klagen ſind der Schwaͤche des Menſchen vergoͤnnt; wer noch nie ſeufzte, hat noch nie verlohren3.
// Und hab’ ich denn ein Recht uͤber mein Ungluͤck zu klagen? und bin ich wirklich ungluͤcklich? — Liebt mich denn Amalie, iſt ſie mein, daß mich ihre Entfernung traurig machen darf? Bin ich nicht der Sohn eines zaͤrtlichen Vaters, der Freund eines edlen Freundes? und [5]1 ich ſpreche von Elend? — Wozu dieſer Eigenſinn, daß ich mir einbilde, nur ſie ſei meine Seeligkeit2? Ja, Eduard, ich will meiner Schwaͤche widerſtehn, aber Sehnſucht und Wuͤnſche ſind nicht Verbrechen. Ich will nicht mit dem Schickſal rechten, aber Klagen ſind der Schwaͤche des Menſchen vergoͤnnt; wer noch nie ſeufzte, hat noch nie verloren3.
// Und hab’ ich denn ein Recht uͤber mein Ungluͤck zu klagen? und bin ich wirklich ungluͤcklich? — Liebt mich denn Amalie, iſt ſie mein, daß mich ihre Entfernung traurig machen darf? Bin ich nicht der Sohn eines zaͤrtlichen Vaters, der Freund eines edlen Freundes? und ich ſpreche von Elend? — Wozu dieſer Eigenſinn, daß ich mir einbilde, nur ſie ſei meine Seligkeit2? Ja, Eduard, ich will meiner Schwaͤche widerſtehn, aber Sehnſucht und Wuͤnſche ſind nicht Verbrechen. Ich will nicht mit dem Schickſal rechten, aber Klagen ſind der Schwaͤche des Menſchen vergoͤnnt; wer noch nie ſeufzte, hat noch nie verloren3.
28
[21]1 // Wie ein Gewicht druͤckt eine aͤngſtliche Beklemmung meine Bruſt, wenn ich an die wenigen gluͤcklichen Tage in Bonſtreet2 zuruͤckdenke und damit die lange, lange freudenleere Zukunft vergleiche. Die Liebe zog mich an’s4 Licht, das Morgenroth ſchwang durch den Himmel ſeine purpurrothe Fahne, alle Berge umher gluͤhten und flammten im freudenreichen Scheine, — itzt iſt die Sonne wieder untergeſunken, eine oͤde Nacht umfaͤngt5 mich. Ich habe meinen lieben Gefaͤhrten verlohren6 und rufe durch den dunkeln Wald vergeblich ſeinen Nahmen7, ein holes8 Echo wirft mir ihn ohne Troſt zuruͤck, die weite einſame Leere kuͤmmert ſich nicht um meinen Jammer. Ein ſchneidender Wind blaͤſt ſchadenfroh9 uͤber mein Haupt dahin und ſchuͤttelt das letzte10 Laub von den Baͤumen.
// Wie ein Gewicht druͤckt eine aͤngſtliche Beklemmung meine Bruſt, wenn ich an die wenigen gluͤcklichen Tage in Bonſtreet2 zuruͤckdenke und damit die lange, lange freudenleere Zukunft vergleiche. Die Liebe zeigte mir das4 Licht, das Morgenroth ſchwang durch den Himmel ſeine purpurrothe Fahne, alle Berge umher gluͤhten und flammten im freudenreichen Scheine, — itzt iſt die Sonne wieder untergeſunken, eine oͤde Nacht umfaͤngt5 mich. Ich habe meinen lieben Gefaͤhrten verloren6 und rufe durch den dunkeln Wald vergeblich ſeinen Nahmen7, ein holes8 Echo wirft mir ihn ohne Troſt zuruͤck, die weite einſame Leere kuͤmmert ſich nicht um meinen Jammer. Ein ſchneidender Wind blaͤſt ſchadenfroh9 uͤber mein Haupt dahin und ſchuͤttelt das letzt10 Laub von den Baͤumen.
// Wie ein Gewicht druͤckt eine aͤngſtliche Beklemmung meine Bruſt, wenn ich an die wenigen gluͤcklichen Tage in Bondly2 zuruͤckdenke,3 und damit die lange, lange freudenleere Zukunft vergleiche. Die Liebe zeigte mir das4 Licht, das Morgenroth ſchwang durch den Himmel ſeine purpurrothe Fahne, alle Berge umher gluͤhten und flammten im freudenreichen Scheine, — itzt iſt die Sonne wieder untergeſunken, eine oͤde Nacht umſaͤngt5 mich. Ich habe meinen lieben Gefaͤhrten verloren6 und rufe durch den dunkeln Wald vergeblich ſeinen Namen7, ein hohles8 Echo wirft mir ihn ohne Troſt zuruͤck, die weite einſame Leere kuͤmmert ſich nicht um meinen Jammer. Ein ſchneidender Wind blaͤſt ſcha[13]denfroh9 uͤber mein Haupt dahin und ſchuͤttelt das letzte10 Laub von den Baͤumen.
29
/ Schwarz war die Nacht und dunkle Sterne brannten // Durch Wolkenſchleier matt und bleich, // Die Flur durchſtrich das Geiſterreich, / Als feindlich ſich die Parzen abwärts wandten / Und zornge Götter mich ins Leben ſandten.
/ Schwarz war die Nacht und dunkle Sterne brannten // Durch Wolkenſchleier matt und bleich, // Die Flur durchſtrich das Geiſterreich, / Als feindlich ſich die Parzen abwärts wandten / Und zornge Götter mich ins Leben ſandten.
/ Schwarz war die Nacht und dunkle Sterne brannten,1 // Durch Wolkenſchleier matt und bleich, // Die Flur durchſtrich das Geiſterreich, / Als feindlich ſich die Parzen abwärts wandten / Und zornge Götter mich ins Leben ſandten.
30
/ Die Eule ſang mir grauſe Wiegenlieder // Und ſchrie mir durch die ſtille Ruh // Ein gräßliches: Willkommen! zu. [22]1 / Der bleiche Gram und Jammer ſanken nieder / Und grüßten mich als längſt gekannte Brüder.
/ Die Eule ſang mir grauſe Wiegenlieder // Und ſchrie mir durch die ſtille Ruh // Ein gräßliches: Willkommen! zu. / Der bleiche Gram und Jammer ſanken nieder / Und grüßten mich als längſt gekannte Brüder.
/ Die Eule ſang mir grauſe Wiegenlieder // Und ſchrie mir durch die ſtille Ruh // Ein gräßliches: Willkommen! zu. / Der bleiche Gram und Jammer ſanken nieder / Und grüßten mich als längſt gekannte Brüder.
31
/ Da ſprach der Gram in banger Geiſterſtunde: // Du biſt zu Quaalen eingeweiht, // Ein Ziel des Schickſals Grauſamkeit, / Die Bogen ſind geſpannt und jede Stunde / Schlägt grauſam dir2 ſtets eine3 neue Wunde.
[6]1 / Da ſprach der Gram in banger Geiſterſtunde: // Du biſt zu Quaalen eingeweiht, // Ein Ziel des Schickſals Grauſamkeit, / Die Bogen ſind geſpannt und jede Stunde / Schlägt grauſam dir2 ſtets neue blutge4 Wunde.
/Da ſprach der Gram in banger Geiſterſtunde: // Du biſt zu Quaalen eingeweiht, // Ein Ziel des Schickſals Grauſamkeit, / Die Bogen ſind geſpannt und jede Stunde / Schlägt grauſam Dir2 ſtets neue blutge4 Wunde.
32
/ Dich werden alle Menſchenfreuden fliehen, // Dich ſpricht kein Weſen freundlich an, // Du gehſt die wüſte Felſenbahn, / Wo Klippen drohn, wo keine Blumen blühen, / Und nimmer matt der Sonne Strahlen1 glühen,2
/ Dich werden alle Menſchenfreuden fliehen, // Dich ſpricht kein Weſen freundlich an, // Du gehſt die wüſte Felſenbahn, / Wo Klippen drohn, wo keine Blumen blühen, / Der Sonne Strahlen heiß und heißer1 glühen.2
/ Dich werden alle Menſchenfreuden fliehen, // Dich ſpricht kein Weſen freundlich an, // Du gehſt die wüſte Felſenbahn, / Wo Klippen drohn, wo keine Blumen blühen, / Der Sonne Strahlen heiß und heißer1 glühen.2
33
/ Die Liebe, die in allen Weſen klingt1, // Des Erdenglükkes ſchönſte Freuden2, // Die Götter ſelbſt dem Menſchen neiden3, / Durch die er ſich4 zum höchſten Äther5 ſchwingt, / Vermeſſen mit dem Glück des Himmels ringt —6
/ Die Liebe, die der Schöpfung All durchklingt1, // Der Schirm in Jammer und in Leiden2, // Die Blüthe aller Erdenfreuden3, / Die unſer Herz4 zum höchſten Himmel5 ſchwingt, / Wo Durſt aus ſeelgem Born Erquicken trinkt,6
/ Die Liebe, die der Schöpfung All durchklingt1, // Der Schirm in Jammer und in Leiden2, // Die Blüte aller Erdenfreuden3, / Die unſer Herz4 zum höchſten Himmel5 ſchwingt, / Wo Durſt aus ſelgem Born Erquicken trinkt,6
34
/ Die Liebe ſei auf ewig dir2 verſagt. // Das Thor iſt hinter dir3 geſchloſſen, // Auf der Verzweiflung wilden Roſſen / Wirſt du durch’s öde4 Leben hingejagt, / Wo keine Freude dir5 zu folgen wagt.
/ Die Liebe ſei auf ewig dir2 verſagt. // Das Thor iſt hinter dir3 geſchloſſen, // Auf der Verzweiflung wilden Roſſen / Wirſt du durchs öde4 Leben hingejagt, / Wo keine Freude dir5 zu folgen wagt.
[14]1 / Die Liebe ſei auf ewig Dir2 verſagt. // Das Thor iſt hinter Dir3 geſchloſſen, // Auf der Verzweiflung wilden Roſſen / Wirſt Du durchs öde4 Leben hingejagt, / Wo keine Freude Dir5 zu folgen wagt.
35
/ Dann ſinkſt du1 in die ewge Nacht zurück,2 // Sieh tauſend Elend auf dich3 zielen, // Im Schmerz dein4 Daſein nur zu fühlen! / Nur5 erſt im ausgelöſchten Todesblick / Begrüßt voll Mitleid dich6 das erſte Glück. —
/ Dann ſinkſt du1 in die ewge Nacht zurück!2 // Sieh tauſend Elend auf dich3 zielen, // Im Schmerz dein4 Daſein nur zu fühlen! / Ja5 erſt im ausgelöſchten Todesblick / Begrüßt voll Mitleid dich6 das erſte Glück. —
/ Dann ſinkſt Du1 in die ewge Nacht zurück!2 // Sieh tauſend Elend auf Dich3 zielen, // Im Schmerz Dein4 Daſein nur zu fühlen! / Ja5 erſt im ausgelöſchten Todesblick / Begrüßt voll Mitleid Dich6 das erſte Glück. —
36
[23]1 // Ich komme mir in vielen Momenten wie ein Kind vor, welches jammert, ohne ſelbſt zu wiſſen, woruͤber. Ich komme ſo eben von einem kleinen Spatziergange2 aus dem Felde zuruͤck: der Mond zittert in wunderbaren Geſtalten durch die Baͤume, der Schatten flieht uͤber das Feld und jagt ſich hin und her mit dem Scheine des Mondes; die naͤchtliche Einſamkeit hat meine Gefuͤhle in Ruhe gewiegt, ich ſehe mich und die Welt gemaͤßigter an und kann itzt mein Ungluͤck nur in mir ſelber finden. Ich ahnde4 eine Zeit, in welcher mir meine jetzigen Empfindungen wie leere kindiſche5 Traͤume vorſchweben werden, wo ich mitleidig uͤber dieſen Drang des Herzens laͤchle, der itzt meine Quaal und Seeligkeit6 iſt, — und ſoll ich es dir geſtehn7, Eduard? — Dieſe Ahndung8 macht mich traurig. — Wenn dieſes gluͤhende Herz nach und nach erkaltet, dieſer Funke der Gottheit in mir zur Aſche ausbrennt und die Welt mich vielleicht verſtaͤndiger nennt, — was wird mir die innige Liebe erſetzen, mit der ich die Welt umfangen moͤchte? Die Vernunft wird die Schoͤnheiten anatomiren, deren holder Einklang mich itzt berauſcht: ich werde die Welt und die Menſchen mehr kennen, aber ich werde [24] ſie weniger lieben,10ſobald man die Aufloͤſung zum ſinnreichſten Raͤthſel gefunden hat, erſcheint es abgeſchmackt.11
// Ich komme mir in vielen Momenten wie ein Kind vor, welches jammert, ohne ſelbſt zu wiſſen, woruͤber. Ich komme ſo eben von einem kleinen Spatziergange2 aus dem Felde zuruͤck: der Mond zittert in wunderbaren Geſtalten durch die Baͤume, der Schatten flieht uͤber das Feld und jagt ſich hin und her mit dem Scheine des Mondes; die naͤchtliche Einſamkeit hat meine Gefuͤhle in [7]3 Ruhe gewiegt, ich ſehe mich und die Welt gemaͤßigter an und kann itzt mein Ungluͤck nur in mir ſelber finden. Ich ahnde4 eine Zeit, in welcher mir meine jetzigen Empfindungen wie leere Traͤume vorſchweben werden, wo ich mitleidig uͤber dieſen Drang des Herzens laͤchle, der itzt meine Quaal und Seeligkeit6 iſt, — und ſoll ich es dir geſtehen7, Eduard? — Dieſe Ahndung8 macht mich traurig. — Wenn dieſes gluͤhende Herz nach und nach erkaltet, dieſer Funke der Gottheit in mir zur Aſche ausbrennt und die Welt mich vielleicht verſtaͤndiger nennt, — was wird mir die innige Liebe erſetzen, mit der ich jetzt9 die Welt umfangen moͤchte? —
// Ich komme mir in vielen Momenten wie ein Kind vor, welches jammert, ohne ſelbſt zu wiſſen, woruͤber. Ich komme ſo eben von einem kleinen Spaziergange2 aus dem Felde zuruͤck: der Mond zittert in wunderbaren Geſtalten durch die Baͤume, der Schatten flieht uͤber das Feld und jagt ſich hin und her mit dem Scheine des Mondes; die naͤchtliche Einſamkeit hat meine Gefuͤhle in Ruhe gewiegt, ich ſehe mich und die Welt gemaͤßigter an und kann itzt mein Ungluͤck nur in mir ſelber finden. Ich ahne4 eine Zeit, in welcher mir meine jetzigen Empfindungen wie leere Traͤume vorſchweben werden, wo ich mitleidig uͤber dieſen Drang des Herzens laͤchle, der itzt meine Quaal und Seligkeit6 iſt, — und ſoll ich es Dir geſtehen7, Eduard? — Dieſe Ahnung8 macht mich traurig. — Wenn dieſes gluͤhende Herz nach und nach erkaltet, dieſer Funke der Gottheit in mir zur Aſche ausbrennt und die Welt mich vielleicht verſtaͤndiger nennt, — was wird mir die innige Liebe erſetzen, mit der ich jetzt9 die Welt umfangen moͤchte? Die Vernunft wird die Schoͤnheiten anatomiren, deren [15] holder Einklang mich itzt berauſcht: ich werde die Welt und die Menſchen mehr kennen, aber ich werde ſie weniger lieben,10ſobald man die Aufloͤſung zum ſinnreichſten Raͤthſel gefunden hat, erſcheint es abgeſchmackt.11
37
// Mein Brief ſcheint mir itzt uͤbertrieben, ich moͤchte ihn zerreißen, ich bin unwillig auf mich ſelbſt, — aber nein, ich will mir meine Beſchaͤmung vor Dir nicht erſparen. Ich will Dir daher auch geſtehen, daß, indem ich ſchrieb, eine Art von Troſt fuͤr mich in dem Bewußtſeyn1 lag, daß ich auch Dich nun bald verlaſſen muͤſſe; dadurch ſchien mir meine Bitterkeit gegen mein Schickſal gerechtfertigt. — Doch itzt ſind alle dieſe Traͤume verſchwunden, itzt fuͤhl’ ich es innig, daß Du meiner Exiſtenz unentbehrlich biſt, aber eben ſo tief empfind’ ich es auch, daß mir das Andenken an Amalien nie wie ein truͤber Traum erſcheinen wird, in einem Momente nur konnte mich dieſe Ahndung2 hintergehn, — ihre Gegenliebe wuͤrde mich zum Gott3 machen!4 Nie werde ich den Blick vergeſſen, mit dem ſie mich ſo oft betrachtet hat, die holdſeelige5 Guͤte, mit der ſie zu mir ſprach, alles, alles hat ſich ſo in alle meine Empfindungen verflochten, ſo innig bis an meine fruͤhſten6 Erinnerungen gereiht, daß ich nichts davon verliehren7 kann, [25]8 ohne an Gluͤck zu verliehren9. 10 Ach, Eduard, — wenn ſie mich liebte! — Mein volles Herz will vor Wehmuth bei dem Gedanken zerſpringen, — wenn ſie mich liebte, — warum bin ich dann nicht an ihren Buſen geſunken, — warum ſitz’ ich dann hier und ſchreibe nieder, was ich empfinde und empfinden koͤnnte? — Als der freie Platz im Walde kam, wo wir Abſchied nehmen wollten, — alle Baͤume und Huͤgel ſchwankten um mich her, — eine unbeſchreibliche Angſt draͤngte und wuͤhlte in meinem Buſen, — der Wagen wollte halten, ich ließ ihn weiter fahren und ſo immer in Gedanken von einem Baume zum andern fort, — immer noch eine kurze Friſt gewonnen, in der ich ſie ſah, in der ich den Klang ihrer Stimme hoͤrte, — endlich ſtand der Wagen. — Wir ſtiegen ab. — Sie umarmte ihren Bruder lange Zeit, 13 ich nahte mich zitternd, 14 ich wuͤnſchte dieſen Augenblick im Innerſten meines Herzens voruͤber, 15 ſie neigte ſich mir entgegen, 16 ich ſchwankte und ſahe ſie an, — ich war im Begriffe in ihre Arme zu ſtuͤrzen, — — ich bog mich ihr entgegen und kuͤßte ihre Wange, — eine eiſige Kaͤlte uͤberflog mich, — der Wagen rollte fort.
// Mein Brief ſcheint mir itzt uͤbertrieben, ich moͤchte ihn zerreißen, ich bin unwillig auf mich ſelbſt, — aber nein, ich will mir meine Beſchaͤmung vor Dir nicht erſparen. Ich will Dir daher auch geſtehen, daß, indem ich ſchrieb, eine Art von Troſt fuͤr mich in dem Bewußtſeyn1 lag, daß ich auch Dich nun bald verlaſſen muͤſſe; dadurch ſchien mir meine Bitterkeit gegen mein Schickſal gerechtfertigt. — Doch itzt ſind alle dieſe Traͤume verſchwunden, itzt fuͤhl’ ich es innig, daß Du meiner Exiſtenz unentbehrlich biſt, aber eben ſo tief empfind’ ich es auch, daß mir das Andenken an Amalien nie wie ein truͤber Traum erſcheinen wird, in einem Momente nur konnte mich dieſe Ahndung2 hintergehn, — ihre Gegenliebe wuͤrde mich unausſprechlich gluͤcklich3 machen.4 Nie werde ich den Blick vergeſſen, mit dem ſie mich ſo oft betrachtet hat, die holdſeelige5 Guͤte, mit der ſie zu mir ſprach, alles, alles hat ſich ſo in alle meine Empfindungen verflochten, ſo innig bis an meine fruͤhſten6 Erinnerungen gereiht, daß ich nichts davon verlieren7 kann, ohne an Gluͤck zu verlieren9. Ach, Eduard, — wenn [8]11 ſie mich liebte! — Mein volles Herz will vor Wehmuth bei dem Gedanken zerſpringen, — wenn ſie mich liebte, — warum bin ich dann nicht an ihren Buſen geſunken, — warum ſitz’ ich dann hier und ſchreibe nieder, was ich empfinde und empfinden koͤnnte? — Als der freie Platz im Walde kam, wo wir Abſchied nehmen wollten, — alle Baͤume und Huͤgel ſchwankten um mich her, — eine unbeſchreibliche Angſt draͤngte und wuͤhlte in meinem Buſen, — der Wagen wollte halten, ich ließ ihn weiter fahren und ſo immer in Gedanken von einem Baume zum andern fort, — immer noch eine kurze Friſt gewonnen, in der ich ſie ſah, in der ich den Klang ihrer Stimme hoͤrte, — endlich ſtand der Wagen. — Wir ſtiegen ab. — Sie umarmte ihren Bruder lange Zeit, ich nahte mich zitternd, ich wuͤnſchte dieſen Augenblick im Innerſten meines Herzens voruͤber, ſie neigte ſich mir entgegen, ich ſchwankte und ſahe ſie an, — ich war im Begriffe in ihre Arme zu ſtuͤrzen, — — ich bog mich ihr entgegen und kuͤßte ihre Wange, — eine eiſige Kaͤlte uͤberflog mich, — der Wagen rollte fort.
// Mein Brief ſcheint mir itzt uͤbertrieben, ich moͤchte ihn zerreißen, ich bin unwillig auf mich ſelbſt, — aber nein, ich will mir meine Beſchaͤmung vor Dir nicht erſparen. Ich will Dir daher auch geſtehen, daß, indem ich ſchrieb, eine Art von Troſt fuͤr mich in dem Bewußtſein1 lag, daß ich auch Dich nun bald verlaſſen muͤſſe; dadurch ſchien mir meine Bitterkeit gegen mein Schickſal gerechtfertigt. — Doch itzt ſind alle dieſe Traͤume verſchwunden, itzt fuͤhl’ ich es innig, daß Du meiner Exiſtenz unentbehrlich biſt, aber eben ſo tief empfind’ ich es auch, daß mir das Andenken an Amalien nie wie ein truͤber Traum erſcheinen wird, in einem Momente nur konnte mich dieſe Ahnung2 hintergehn, — ihre Gegenliebe wuͤrde mich unausſprechlich gluͤcklich3 machen.4 Nie werde ich den Blick vergeſſen, mit dem ſie mich ſo oft betrachtet hat, die holdſelige5 Guͤte, mit der ſie zu mir ſprach, alles, alles hat ſich ſo in alle meine Empfindungen verflochten, ſo innig bis an meine fruͤheſten6 Erinnerungen gereiht, daß ich nichts davon verlieren7 kann, ohne an Gluͤck zu verlieren9. Ach, Eduard, — wenn ſie mich liebte! — Mein volles Herz will vor Wehmuth bei dem Gedanken zerſpringen, — wenn ſie mich liebte, — warum bin ich dann nicht an ihren Buſen geſunken, — warum ſitz’ ich dann hier und ſchreibe nieder, was ich empfinde und empfinden koͤnnte? — Als der freie Platz im Walde kam, wo wir Abſchied nehmen wollten, — alle [16]12 Baͤume und Huͤgel ſchwankten um mich her, — eine unbeſchreibliche Angſt draͤngte und wuͤhlte in meinem Buſen, — der Wagen wollte halten, ich ließ ihn weiter fahren und ſo immer in Gedanken von einem Baume zum andern fort, — immer noch eine kurze Friſt gewonnen, in der ich ſie ſah, in der ich den Klang ihrer Stimme hoͤrte, — endlich ſtand der Wagen. — Wir ſtiegen ab. — Sie umarmte ihren Bruder lange Zeit, ich nahte mich zitternd, ich wuͤnſchte dieſen Augenblick im Innerſten meines Herzens voruͤber, ſie neigte ſich mir entgegen, ich ſchwankte und ſahe ſie an, — ich war im Begriffe in ihre Arme zu ſtuͤrzen, — — ich bog mich ihr entgegen und kuͤßte ihre Wange, — eine eiſige Kaͤlte uͤberflog mich, — der Wagen rollte fort.
38
[absent]
// Da wurzelte mein Auge in das Gras, es ſchwaͤrmte in dem Laub der Baͤume, und alles ſchien mir gruͤner und glaͤnzender, von den Strahlen ihrer letzten Blicke beleuchtet. Ich athmete tief auf, und haͤtte von Baͤumen und Gras dieſen Geiſt, der mich anglaͤnzte, in mich ziehen moͤgen.
// Da wurzelte mein Auge in das Gras, es ſchwaͤrmte in dem Laub der Baͤume, und alles ſchien mir gruͤner und glaͤnzender, von den Strahlen ihrer letzten Blicke beleuchtet. Ich athmete tief auf, und haͤtte von Baͤumen und Gras dieſen Geiſt, der mich anglaͤnzte, in mich ziehen moͤgen.
 
39
[26]1 // Bei einer Waldecke ſah ſie noch einmahl2 mit dem holden goͤttlichen Blicke zuruͤck, — o mir war’s3, als wuͤrd’ ich in ein tiefes unterirrdiſches4 Gefaͤngniß geſchleppt. —
// Bei einer Waldecke ſah ſie noch einmahl2 mit dem holden goͤttlichen Blicke zuruͤck, — o mir wars3, als wuͤrd’ ich in ein tiefes unterirdiſches4 Gefaͤngniß geſchleppt. —
// Bei einer Waldecke ſah ſie noch einmal2 mit dem holden goͤttlichen Blicke zuruͤck, — o mir wars3, als wuͤrd’ ich in ein tiefes unterirdiſches4 Gefaͤngniß geſchleppt. —
40
// Warum hab’ ich ihr nicht geſagt, wie viel ſie meiner Seele ſei? — Wenn ich ihren letzten Blick nicht mißverſtand, — war es nicht Schmerz, Traurigkeit, die daraus1 ſprachen? — aber vielleicht fuͤr ihren Bruder? — Aber2 die Innigkeit, mit der ſie mich betrachtete? — O, eine ſchreckliche Unruhe jagt das Blut ungeſtuͤmer durch meine Adern!
// Warum hab’ ich ihr nicht geſagt, wie viel ſie meiner Seele ſei? — Wenn ich ihren letzten Blick nicht mißverſtand, — war es nicht Schmerz, Traurigkeit, die dar[9]aus1 ſprachen? — aber vielleicht fuͤr ihren Bruder? — Doch2 die Innigkeit, mit der ſie mich betrachtete? — O, eine ſchreckliche Unruhe jagt das Blut ungeſtuͤmer durch meine Adern!
// Warum hab’ ich ihr nicht geſagt, wie viel ſie meiner Seele ſei? — Wenn ich ihren letzten Blick nicht mißverſtand, — war es nicht Schmerz, Traurigkeit, die daraus1 ſprachen? — aber vielleicht fuͤr ihren Bruder? — Doch2 die Innigkeit, mit der ſie mich betrachtete? — O, eine ſchreckliche Unruhe jagt das Blut ungeſtuͤmer durch meine Adern!
41
// Itzt ſchlaͤft ſie vielleicht. Ich muß ihr im Traume erſcheinen, da ich ſo innig nur ſie, nur ſie einzig und allein denken kann. — Bald koͤmmt ſie nun in London an, macht Bekanntſchaften und erneuert alte, man ſchwatzt, man lobt, man vergoͤttert ſie, ſchmeichleriſche Luͤgner ſchleichen ſich in ihr Herz — und ich bin vergeſſen! — Kein freundlicher Blick wendet ſich zu mir in der nuͤchternen2 Einſamkeit zuruͤck, ich ſtehe dann da in der freudenleeren Welt, einer Uhr gleich, auf welcher der Schmerz unaufhoͤrlich denſelben langſamen einfoͤrmigen Kreis beſchreibt.
// Itzt ſchlaͤft ſie vielleicht. Ich muß ihr im Traume erſcheinen, da ich ſo innig nur ſie, nur ſie einzig und allein denken kann. — Bald koͤmmt ſie nun in London an, macht Bekanntſchaften und erneuert alte, man ſchwatzt, man lobt, man vergoͤttert ſie, ſchmeichleriſche Luͤgner ſchleichen ſich in ihr Herz — und ich bin vergeſſen! — Kein freundlicher Blick wendet ſich zu mir in die2 Einſamkeit zuruͤck, ich ſtehe dann da in der freudenleeren Welt, einer Uhr gleich, auf welcher der Schmerz unaufhoͤrlich denſelben langſamen einfoͤrmigen Kreis beſchreibt.
// Itzt ſchlaͤft ſie vielleicht. Ich muß ihr im Traume [17]1 erſcheinen, da ich ſo innig nur ſie, nur ſie einzig und allein denken kann. — Bald koͤmmt ſie nun in London an, macht Bekanntſchaften und erneuert alte, man ſchwatzt, man lobt, man vergoͤttert ſie, ſchmeichleriſche Luͤgner ſchleichen ſich in ihr Herz — und ich bin vergeſſen! — Kein freundlicher Blick wendet ſich zu mir in die2 Einſamkeit zuruͤck, ich ſtehe dann da in der freudenleeren Welt, einer Uhr gleich, auf welcher der Schmerz unaufhoͤrlich denſelben langſamen,3 einfoͤrmigen Kreis beſchreibt.
42
// Karl laͤchelte als wir zuruͤckritten2. Ich haͤtte [27]3 weinen moͤgen. — O, warum muͤſſen denn Menſchen ſo gern uͤber die Schmerzen ihrer Bruͤder ſpotten? — Wenn es nun auch Leiden ſind, von denen ſie keine Vorſtellung haben, oder die ſie fuͤr unvernuͤnftig halten, o4 ſie druͤcken darum das Herz nicht minder ſchwer. — Ich bedurfte Mitleid, ein empfindendes Herz, — und ein ſpottendes Laͤcheln, eine kalte Verachtung, — — o Eduard, mir war als klopft’ ich im Walde verirrt an eine Huͤtte und nichts anwortete10 mir aus dem verlaſſenen Hauſe, als ein leiſer, oͤder Wiederhall. —
// Ihr Bruder1 Karl laͤchelte als wir zuruͤckritten2. Ich haͤtte weinen moͤgen. — O, warum muͤſſen denn Menſchen ſo gern uͤber die Schmerzen ihrer Bruͤder ſpotten? — Wenn es nun auch Leiden ſind, von denen ſie keine Vorſtellung haben, oder die ſie fuͤr unvernuͤnftig halten, ſie druͤcken darum das Herz nicht minder ſchwer. — Ich bedurfte Mitleid, ein empfindendes Herz, — und ein ſpottendes Laͤcheln, eine kalte Verachtung, — — o Eduard, mir war als klopft’ ich im Walde verirrt an eine Huͤtte und nichts antwortete10 mir aus dem verlaſſenen Hauſe, als ein leiſer, oͤder Wiederhall. —
// Ihr Bruder1 Karl laͤchelte als wir zuruͤck ritten2. Ich haͤtte weinen moͤgen. — O, warum muͤſſen denn Menſchen ſo gern uͤber die Schmerzen ihrer Bruͤder ſpotten? — Wenn es nun auch Leiden ſind, von denen ſie keine Vorſtellung haben, oder die ſie fuͤr unvernuͤnftig halten, ſie druͤcken darum das Herz nicht minder ſchwer. — Ich bedurfte Mitleid, ein empfindendes Herz, — und ein ſpottendes Laͤcheln, eine kalte Verachtung, — — o,5 Eduard, mir war,6 als klopft’ ich,7 im Walde verirrt,8 an eine Huͤtte,9 und nichts antwortete10 mir aus dem verlaſſenen Hauſe, als ein leiſer, oͤder Wiederhall. —
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// Lebe wohl. Ich will itzt gleich auf einige Tage meine Tante Buttler in Waterhall beſuchen, — gruͤße Deine liebe Schweſter und verzeih mir meine Schwaͤche;1 doch ich kenne ja Dein Herz, das alle Leiden der Menſchheit mitempfindet, uͤber nichts ſpottet, was den Muth des ſchwaͤchern Bruders erſchuͤttert, der2 ſich mit den Froͤhlichen freut und mit den Weinenden weint. — Lebe wohl.3
// Lebe wohl. Ich will itzt gleich auf einige Tage meine Tante Buttler in Waterhall beſuchen, — gruͤße Deine liebe Schweſter und verzeih mir meine Schwaͤche;1 doch ich kenne ja Dein Herz, das alle Leiden der Menſchheit mitempfindet, uͤber nichts ſpottet, was den Muth des ſchwaͤchern Bruders erſchuͤttert, der2 ſich mit den Froͤhlichen freut und mit den Weinenden weint. —
// Lebe wohl. Ich will itzt gleich auf einige Tage meine Tante Buttler in Waterhall beſuchen, — gruͤße Deine liebe Schweſter und verzeih mir meine Schwaͤche:1 doch ich kenne ja Dein Herz, das alle Leiden der Menſchheit mitempfindet, uͤber nichts ſpottet, was den Muth des ſchwaͤchern Bruders erſchuͤttert, das2 ſich mit den Froͤhlichen freut und mit den Weinenden weint. —